Interview mit Christian Beermann

Nach einer langen Pause, die ich meiner Staatsexamensarbeit zu liebe eingelegt habe, wird es nun wieder öfter Beiträge rund um Bildung und didaktische Überlegungen zum Einsatz von Web 2.0 in der Lehre geben.

Fortgesetzt wird mit meiner Interviewreihe. Diesmal äußert sich Christian Beermann, Gymnasiallehrer für Französisch und Geschichte. Er hat 2007 sein erstes Staatsexamen in Hamburg abgeschlossen. Seit dem wartet er auf einen Referendariatsplatz. Während der Wartezeit hat er nun seine Promotion begonnen und fand Zeit meine Interviewfragen zu beantworten.


1. Ein sehr ungewöhnlicher Name für deinen Blog – was hat dich inspiriert?

Tja, espressodoppio – ich habe hier schon mal was geschrieben. Letztendlich aber war es eine spontane Entscheidung und ich habe nicht besonders viel darüber nachgedacht.

2. Warum schreibst du in einem Blog?

Einmal hilft es mir meine Ideen zu sortieren. Dann finde ich es wichtig das was in den Schulen passiert auch in die Öffentlichkeit zu tragen. Außerdem habe ich die Hoffnung, dass das bloggen meinem
Dissertationsprojekt helfen kann, indem ich Ideen schon mal in die Öffentlichkeit trage und zur Diskussion stelle. Mich fasziniert dabei die Idee des „Öffentlichen Wissenschaftlers„.

3. Welchen Themen widmest du dich?

Ein wildes Durcheinander von Privatem und Beruflichem. Aber ich finde es wichtig nicht nur von beruflichen Interessen zu berichten, sondern auch private Interessen – sofern sie im Internet was zu suchen haben – zur Vervollständigung des Bildes zu veröffentlichen. Als da wären: Meine Liebe zum Kaffee, der Garten, Schulalltag, die Promotion und einiges Anderes mehr.

4. Du hast Geschichte und Französisch studiert – siehst du Verbindungspunkte in beiden Fächern?

Ja und wie! Ich liebe die Idee des bilingualen Sachfachunterrichts. Geschichte auf Französisch unterrichten durfte ich leider bisher noch nicht ausprobieren, aber eine größere Verbindung kann ich mir nicht vorstellen. Gleichzeitig kommt man ja auch im Französischunterricht an Geschichte nicht vorbei. Gerade die Literatur ist von Geschichte durchzogen. Aber auch die Sprache hat ja ihre historischen Wurzeln und Bezüge.

5. Als angehender Lehrer: Was sagst du zur Bildungsmisere in Deutschland?

Ich sehe die öffentliche Wahrnehmung des Bildungsbereichs als eine große Chance für positive Veränderungen. Gerade diese Präsenz auch in den Medien ist nötig, um das Thema anzupacken.

6. Welche Möglichkeiten siehst du, um dagegen anzukämpfen und wieder Lernmotivation bei den SuS auszulösen?

Da ich mich gerade am Rande mit Motivationspsychologie beschäftige bemerke ich erst was für ein Minenfeld die Motivation doch ist. Kaum fassbar, von allen angestrebt, schwer herzustellen und noch viel schwerer zu erhalten. Aber die Chancen sind natürlich da! Zuerst mal sollte die Erziehungswissenschaft und die Fachdidaktik ihre Scheu vor der Psychologie ablegen. Es sind so viele Theorien da, die auf die Praxis und den spezifischen Kontext Schule übertragen werden müssen. Aber nun mal weg von der Theorie. Themen – egal in welche Fach – müssen so aufbereitet werden, dass sie für die Schülerinnen und Schüler persönlich bedeutsam werden. Das muss gar nicht unbedingt die inhaltliche, das kann auch die methodische Ebene sein, die solch eine Bedeutsamkeit herstellt.

7. Welche Motivation steckt in dir Lehrer zu werden?

Früher eine andere als heute. Früher war es primär das Interesse an den Fächern und (nebenbei) auch die Freude mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Heute überwiegt Letzteres. Ich freue mich viel mehr über den Lernfortschritt den Schüler X gemacht hat, darüber, dass Schülerin Y es endlich schafft ihre Hausaufgaben zu machen etc. als darüber endlich mal eine Unterrichtseinheit zur Französischen Revolution zu machen.

8. Was hältst du von Teamteaching bzw. dass Lehrer nicht mehr als Einzelgänger arbeiten sondern als Team sich z.B. Unterrichtsmaterialien austauschen?

Austausch ist unbedingt nötig! Was ich über twitter schon an Hilfe und auch konkretem Material bekommen habe ist toll (musste hier mal gesagt werden) und erweitert den Kreis, in dem Austausch möglich wird enorm. Ansonsten entlastet Austausch im Kollegium natürlich ungemein. An meiner Schule werden in Französisch z.B. die Klassenarbeiten im Kollegenkreis entworfen, der Bewertungsschlüssel wird festgelegt etc. Dass schafft Erleichterung für die Kollgen und Transparenz und Sicherheit für die Schülerinnen und Schüler. Teamteaching ist sicherlich nochmals eine andere Sache. Erfahrung damit habe ich nicht. Stelle es mir aber sehr spannend vor. Mir fällt da als Beispiel immer die Helene Lange Schule in Wiesbaden ein.

9. Was muss deiner Meinung nach in der Lehrerausbildung geändert werden?

Ganz kurz: Mehr Didaktik, frühere (eigenverantwortliche?) Praxiserfahrungen.

10. Was sind deine guten Vorsätze für 2009?

Schon gebrochen 😉 Nein im Ernst das Jahr hat ja bereits begonnen. Statt Vorsätzen habe ich eher konkrete Ziele, die aber zu spezifisch für diese Stelle sind denke ich.

Vielen Dank für deine aufschlussreichen Worte. Für deine berufliche Karriere wünsche ich dir viel Erfolg.

2 Kommentare zu „Interview mit Christian Beermann“

  1. Schön, dass es hier im Blog weiter geht :-).
    Das Interview gefällt mir. Über eine Formulierung bin ich gestolpert:
    „Ganz kurz: Mehr Didaktik, frühere (eigenverantwortliche?) Praxiserfahrungen.“

    Nun weiß ich nicht, warum genau Christian „eigenverantwortlich nicht nur eingeklammert sondern auch noch mit einem Fragezeichen versehen hat. Ich finde das aber sehr passend. Über eigene Wahrnehmungen im Referendariat und Erfahrungsberichte aus anderen Städten und Bundesländern verfestigt sich zunehmend mein Eindruck, dass „eigenverantwortlich“ gerne „falsch“ verstanden wird: Nämlich so, dass der referendar alleine vor der Klasse steht und unterrichtet. Damit ersetzen zwei referendare an einer Schule gerne mal einen Lehrer (2 mal 12 Stunden die Woche).
    Fragwürdig ist dabei der Ausbildungsanteil. Unter dem Deckmantel der Eigenverantwortlichkeit rechnen Schulleitungen gerne mit dem Stundenkontingent der referendare, was ihnen ja auch nicht übel genommen werden kann. Ich frage mich daher, ob es sinnvoll ist, bei dieser Variante zu bleiben. In Grundschulen scheinen referendare grundsätzlich mit einem erfahrenen Kollegen doppelt gesteckt zu werden, ohne diesen zu ersetzen – sondern als permenenter Berater, der auch wirklich mit im Unterricht ist. Heißt das dort eigentl. auch „eigenverantwortlich“?

  2. Mein URL hat sich übrigens geändert. espressodoppio ist nun zu erreichen unter http://espressodoppio-blog.de

    Hier nun endlich die Antwort, die ich scheppler schon lange schuldig bin. Über die Formulierung bis Du zu Recht gestolpert. Denn genauso unsicher wie sie formuliert ist bin ich mir in dieser Angelegenheit auch. Die Sache hat für mich zwei Seiten und ist durchaus subjektiv geprägt.

    Frühe Praxis in der Schule halte ich für außerordentlich wichtig. Die Schulpraktika, die ich organisiertweise und betreut während meines Studium gemacht habe haben mir allerdings in dieser Hinsicht keinerlei Gewinn beschert. Im ersten war die Dominanz der Anleiterin so stark, dass eigene Erfahrungen schlichtweg nicht möglich waren. Im zweiten Praktikum war kaum Luft um Erfahrungen zu sammeln. Die Lehrer bei denen ich hospitieren durfte hatten so viel um die Ohren, dass es ihnen kaum möglich war Stunden abzugeben und wenn, dann sahen sie sich gezwungen vorzuschreiben, was wie zu machen ist. Hier konnte ich also praktische Erfahrungen sammeln, aber Reflexion über die Arbeit war nicht möglich.
    In diesen beiden Beispielen ist also auch der Begriff „eigenverantwortlich“ falsch.

    Meine Erfahrungen, die ich sammeln durfte waren dann immer in einem Setting, in dem ich die volle Verantwortung hatte. Noch während des Studiums gab ich Computerkurse an einer Ganztagsschule. Niemand saß mit drin, ich plante eigenständig. Allerdings hatte ich einen Ansprechpartner, den ich bei Bedarf löchern konnte.

    Ebenso bei (einigen) meiner Lehraufträge, die sich seit meinem Examen hatte. Die Verantwortung – auch was Noten etc. betrifft – lag ganz allein bei mir. An den meisten Schulen hatte ich jedoch kompetente Ansprechpartner, denen etwas daran lag, dass der Unterricht den ich gab, der ja regulärer Unterricht war, erfolgreich war, dass es keine Beschwerden seitens der Schüler oder gar Eltern gab und das diese letztlich auch etwas lernten.

    Alle Erfahrungen, die ich dabei sammelte – gute und schlechte – waren *meine* eigenen Erfahrungen, waren auf meinem Mist gewachsen und lagen in meiner Verantwortung. Dementsprechend tief konnten diese Erfahrungen wirken. Das meinte ich mit „eigenverantwortlich“.

    Dies fand allerdings auch nicht in einem Ausbildungssetting statt. Was Du in der beschreibst ist in der Tat fragwürdig. Als Referendar muss man so viele Anforderungen (Prüfungsamt, Prüfer, Schüler, Kollegen, Eltern und nicht zuletzt die eigenen) erfüllen, dass für das „eigenverantwortliche“ auf die Nase fallen kaum Zeit / Raum bleibt. Das Problem an dieser Sache ist natürlich immer noch, dass durch diese Vertretungs- und Lehraufträge reguläre Stellen zumindest zeitweise ersetzt werden.

    Diese Möglichkeiten müssten in das Studium (also den ersten Ausbildungsabschnitt) verpflichtend integriert werden. Nur so kann man sich selbst einschätzen, ob der Beruf wirklich etwas für einen ist. Dadurch entwickelt man auch ganz andere existentiellere Fragen an die Theorie.

    Du siehst eine eindeutige Antwort kenne ich nicht und daher kommt diese schwammige Formulierung.

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