Motiviert und erfolgreich – passt nicht ins System

Letzte Woche hat unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Bildungstour durch Deutschland angetreten. Ihr Ziel ist es, sich über unser Bildungssystem vor dem bevorstehenden Bildungsgipfel in Dresden Ende Oktober zu informieren.

Sie schaut sich noch bis zum 09. Oktober 2008 in zehn Bundesländern Bildungseinrichtungen an, darunter Kindertagesstätten, Schulen, Hochschulen, Ausbildungsbetriebe und Fortbildungszentren mit innovativen pädagogischen Ansätzen. Roland Koch meint, dass Merkels Bildungsreise „ein wichtiges Signal für Deutschland“ sei. Schließlich ist das Thema „Bildung“ für die Zukunft Deutschlands unabdinglich.

Allerdings scheinen diesbezüglich die Ansichten in den Bundesländern nicht identisch zu sein. Das Magazin „Monitor“ berichtete am 14. August 2008 von einer zwangsversetzten Lehrerin. Sabine Czerny, Grundschullehrerin, gelang es ihre Schüler zum Lernen zu motivieren, sodass sie keine schlechten Noten mehr nach Hause brachten.

Ihre Devise:

„Wenn Kinder sich wohlfühlen, wenn sie keine Angst haben, wenn sozusagen alle Dinge zur Seite geschafft worden sind, die eigentlich den Lernerfolg verhindern können, und das sind die unterschiedlichsten Dinge, die sind bei jedem Kind anders, und insofern ist es einfach wichtig zuzuhören und offen zu sein.“

Dieses positive Engagement soll ihr nun zum Verhängnis werden. In ihrer Klasse schaffen es zu viele Schüler auf das Gymnasium. Dies scheint problematisch zu sein, denn in Bayern müssen die Übertrittsqoten stimmen. Da Frau Czerny ihre Art des Unterrichtens nicht ihrem Kollegium angepasst hat, muss sie nun mit den vom bayerischen Schulamt angeordneten Konsequenzen leben. Sie erhielt ein Schreiben, in dem steht:

Für Kollegen seien Sabine Czernys Vorwürfe böswillige Unterstellungen. Und weiter:

Zitat: „Da der Schulfriede nachweislich und nachhaltig gestört ist, werden Sie versetzt.“

Schon während des Beitrags regten sich meine Emotionen. Auch mein Ziel ist es, Möglichkeiten zu schaffen, bei denen die Schülerschaft wieder Freude am Lernen entdeckt. Ich frage mich, was ist daran verwerflich, wenn es jemand schafft Schüler zum Lernen zu motivieren, sodass sie in der Lage sind erfolgreich die Prüfungen abzuschließen?

Es kann doch nicht sein, dass das deutsche Bildungssystem sich zu einem Quotenbildungssystem entwickelt. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen steht, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat. Diese Bildung kann man doch nicht verwehren, in dem man in einem 3-Klassensystem unterrichtet.

Auch wenn wir ein dreigliedriges Schulsystem haben, kann es doch nicht sein, dass wir zu einem gewissen Prozentsatz dumme und intelligente Schüler kreieren. Jede Schülerin und jeder Schüler hat ein Recht darauf, individuell und nach seinem Bedürfnis gefördert zu werden. Dies hat zur Folge, dass eben alle die Chance haben, Lernerfolge zu erzielen und so auch Freude beim Lernen haben. Was ist denn daran so schlimm, wenn sich ein Schüler in seinem Niveau um eine Schulstufe verbessert? Warum ist es ein Problem, wenn plötzlich die Quote nicht mehr stimmt?

Also hier muss ich sagen, herrscht doch ein echter Fall von Schizophrenie vor. Unsere Bundeskanzlerin reist durch die Länder, um sich über das Bildungssytem zu informieren sowie innovative Lehr- und Lernmethoden kennenzulernen. Schließlich soll es weiterhin Generationen geben, die Deutschland auch in Zukunft auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig halten.

Aber andererseits werden die Pädagogen, Lehrer und Dozenten in ihrem Engagement mittels solcher Methoden gebremst. Wie kann man denn Frau Czerny wegen ihrer positiven Unterrichtsmethoden bestrafen? Warum wird denn nicht mal ein Schlussstrich bei Lehrern gezogen, die nicht in der Lage sind Wissen zu vermitteln? Werden diese Lehrer noch belohnt, weil sie die Quote einhalten?

Also wenn es nach mir geht, dann plädiere ich für mehr LehrerInnen, die ähnlich wie Frau Czerny arbeiten. Ich hoffe, dass diese Lehrerin sich nicht entmutigen lässt und an ihrer Devise festhält. Denn nur motivierte und wissbegierige SchülerInnen werden die Schule als tolerante und demokratische Menschen verlassen.

Nachtrag vom 27.08.2008

Diese hitzige Debatte um die strafversetzte Lehrerin ist in aller Munde. Wer sich noch mehr dazu anlesen möchte, kann dies hier tun:

7 Kommentare zu „Motiviert und erfolgreich – passt nicht ins System“

  1. Kleine Literaturempfehlung passend zum Thema:
    Fee Czisch: Kinder können mehr. Anders lernen in der Grundschule.

    Auch diese Frau unterrichtete in Bayern an einer Grundschule und bekam die gleichen Probleme, weil nicht Aussortierung im Vordergrund stand, sondern Motivation. Auch der Kampf mit den (bayerischen) Behördenmühlen wird dort sehr plastisch beschrieben. Inzwischen lehrt sie an der Uni München in der Grundschulpädagogik.

  2. Bedenkt doch aber bitte eins. Bei allem Verständnis für den Wunsch, dass am Besten alle das Abitur machen sollen, muss man doch realistisch bleiben. Welcher Akademiker fährt schon gern Taxi, welcher die Müll-Kutsche, welcher fegt die Straße? Dies sind alles Berufe bzw. Arbeiten, die existieren und wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft notwendig sind. Bayern hat dies wohl oder übel erkannt und wird mit Sicherheit bei der Quotierung bleiben.
    Ethisch und moralisch zu verurteilen, aber gesellschaftlich und oekonomisch sinnvoll. Eine Zwickmühle, der wir uns gegenübersehen.
    Für Loesungen bin ich offen.
    Bis dann

  3. Öh. Momentchen, Basti. Du vertrittst also allen Ernstes den Standpunkt, man sollte Leute zu Taxifahrern degradieren, OBWOHL sie intellektuell bei entsprechender Förderung zu mehr in der Lage wären? Welcher Kaste gehörst Du denn an?

  4. @Basti: Ich plädiere nicht dafür, dass alle SchülerInnen einmal das Abitur machen sollen. Prinzipiell geht es erst einmal darum, dass die SchülerInnen wieder motiviert werden zum Lernen. Und wenn man es als Lehrer schafft, Interesse für bestimmte Unterrichtsthemen zu wecken, dann ist doch die logische Konsequenz, wenn Schüler für das jeweilige Fach lernen, dass sie bessere Noten schreiben. Ich bin auch nicht für ein komplettes Akademikerland, aber auch ein zukünftiger Friseur, KFZ-Mechaniker oder Mitarbeiter bei der Abfallentsorgung sollte doch die Chance haben, sein Niveau und Wissensstand zu verbessern. Auch diese und viele andere handwerkliche Berufe benötigen wissbegierige Azubis. Nur so sind auch sie in der Lage ihren Beruf so gut wie möglich zu erfüllen. Aber diese Voraussetzung/ diesen Grundstein der Freude am Lernen legt nun einmal die Schule. Und im Fall Frau Czerny handelt das bayrische Schulamt kontraproduktiv. Durch solche Versetzungsmethoden wird doch der Elan der motivierten Lehrer gebremst und das kann ja nicht im Sinne einer Reform des deutschen Bildungssystems sein, oder?!

  5. Ich kann mich der Auffassung von Basti auch nicht anschließen. Ich halte es auch für unsinnig zu befürchten, dass alle das Abitur machen. Denn die Probleme des veralteten Bildungsapparates beeinschränken auch die nicht-akademische Ausbildung. Gerade beklagen Unternehmen wieder in einer IHK-Umfrage, dass es zwar tausende offene Ausbildungsstellen gibt, aber nur wenige ausreichend qualifizierte Bewerber. Und dabei geht es nicht um Abiturnoten, sondern Grundsätzliches wie Ausdrucksvermögen, elementare Rechenfertigkeiten sowie Leistungsbereitschaft und Motivation. Quote hin oder her, Deutschland braucht eine bessere Grundausbildung. Wir dürfen motivierte Lehrer(innen) nicht in ihrem Erfolg bremsen und damit weiteren Generationen eine wettbewerbsfähige Ausbildung verwehren. Dadurch werden viel größere gesellschaftliche Probleme hervorgerufen, als durch die Nicht-Einhaltung der genannten Quoten. An vielen deutschen Schulen spürt man schon heute, dass diese Gesellschaft nicht mehr intakt ist. Ein Umdenken, auch bei Lehrern, ist also dringend nötig!

  6. Pingback: Abgestrafte Lehrerin: Zu gut für dieses Schulsystem? « Gegen Mobbing in der Schule

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